Samstag, 19. Dezember 2015

No Economy. Wie der Gratiswahn das Internet zerstört (Gisela Schmalz)

Von Ralf Keuper 

Es ist kaum zu leugnen, dass im Internet die Gratismentalität der Etablierung profitabler Geschäftsmodelle, die auf dem geistigen Eigentum und Urheberrechten abstellen, nahezu unmöglich ist. Besonders bekommen diese Haltung die Medien wie überhaupt all diejenigen Geistesarbeiter zu spüren, die auf die Verbreitung und Veröffentlichung ihrer Werke angewiesen sind. Daneben sind aber auch die Produktentwickler bzw. Hersteller von Softwarelösungen betroffen, die für ihre Arbeit häufig keinen adäquaten Gegenwert erhalten, da im Netz an irgendeiner Stelle eine kostenlose Alternative zum Download bereit steht. Der Jagd- und Sammelinstinkt der Nutzer, die ihre Schnäppchenjagd nicht nur auf Lebensmittel- und Möbeldiscounter beschränken, sondern auch im Internet auf neue, ungeahnte Höhen führen, ist anscheinend so übermächtig, dass daran unter den gegebenen Umständen kaum etwas zu ändern ist. 
Dennoch täuscht der Eindruck, die Gratisökonomie sei ihrem Wesen nach kostenlos. Facebook, Google und andere Internetkonzerne stellen ihre Dienstleistungen nicht aus altruistischen Motiven unentgeltlich zur Verfügung, sondern aus knallhartem ökonomischen Kalkül. Ziel ist es, die Nutzer von den Gratisangeboten so abhängig zu machen, dass ihr Verlangen nach alternativen Angeboten, die zwar qualitativ hochwertiger sind, versiegt, zumal diese Angebote nicht umsonst sind. Schon der geringste Preis weckt in dem Nutzer den Ehrgeiz, im Netz nach einem kostenlosen Ersatz zu suchen. Folge davon ist die Monopolisierung des Internet, oder wie es inzwischen auch heisst, die Errichtung des Plattformkapitalismus. 

All diese Entwicklungen und Phänomene fasst die Medienökonomin Gisela Schmalz in ihrem Buch No Economy. Wie der Gratiswahn das Internet zerstört als, wie der Titel schon sagt, No Economy zusammen. Erst gegen Mitte des Buches liefert die Autorin eine präzise Definition der No Economy:
Eine Ökonomie, in der Anbieter die meisten Güter verschenken und Konsumenten die Geschenke ohne Gegenleistung annehmen oder das Eigentum anderer stehlen, ist keine. Sie ist eine No Economy. Ein einseitiges System, das dauerhaft nur die Liefernden zugunsten der Nehmenden belastet, ist zum Scheitern verurteilt. Da, wo das Leistungs-Gegenleistungs-Prinzip nicht funktioniert, kann auf Dauer keine für alle Teilnehmer zufriedenstellende Umverteilung stattfinden. In einem solchen Wirtschaftssystem sind Werte kaum bestimmbar oder lösen sich langfristig auf.
Während die Autorin in der ersten Hälfte ihres Buches die Defizite der No Economy bis ins Detail schildert, geht sie im zweiten Teil dazu über, Lösungsalternativen vorzustellen. Als Antwort auf die Herausforderung der No Economy formuliert Schmalz konsequenterweise die Grundlinien der Yes Economy. In dieser "realen" Ökonomie werden sich die smarten Nutzer ihrer Nachfragemacht bewusst und Plattformen bzw. Online-Marktpläzte in Eigenregie betreiben:
Die zunehmende Onlinekompetenz kann Nutzer schließlich dazu bringen, eigene Handelsplattformen zu eröffnen, über die sie ihre P2P-Geschäfte eigenständig durchführen, legale Inhalte und Dienste austauschen oder gegen Geld handeln. In Produktionsgemeinschaften könnten sie die Güter des WWW, ähnlich wie in der Software- oder Gamesbranche praktiziert, kooperativ entwickeln, die dann für alle nutzbringend untereinander verteilt würden. ... Es geht darum, die No Economy in eine Yes Ecnomy zu überführen, mit der sich die größtmögliche Zahl der Teilnehmer einverstanden erklärt.
Diese Vorschläge fallen noch recht vage aus, was vielleicht auch daran liegt, dass das Buch 2009 erschien, zu einer Zeit, als die Gratisökonomie sich auf ihrem Höhepunkt befand. 

Was hat sich seitdem verändert?

Da wäre zum einen der Siegeszug der Streaming-Dienste wie Netflix oder Spotify zu nennen, die in gewisser Weise belegen, dass sich für digitale Güter durchaus Geld verlangen lässt, die ein profitables Geschäft ermöglichen. Allerdings sind nicht alle von diesem Modell in derselben Weise überzeugt, wie z.B. die zahlreichen Künstler, die von ungerechten Vergütungssystemen berichten. Sie würden nur einen Bruchteil der Einnahmen erhalten; der Großteil ginge, wie bereits in der Vergangenheit, in die Kassen der großen Medienunternehmen und der Streaming-Anbieter. Es sei sogar noch schlimmer als vorher. 

Weiterhin nehmen die Projekte und Initiativen zu, die versuchen die Blockchain für die Musikindustrie fruchtbar zu machen

Was aber wäre, wenn die smarten Nutzer dazu übergingen, die Vermarktung ihrer personenbezogenen Daten in die eigenen Hände zu nehmen? Wenn Daten die neue Währung sind, dann ist es eigentlich nur logisch, wenn die Schöpfer dieser Währung an den Erträgen beteiligt werden wollen. Was, wenn wir demnächst eine Me2B - Economy bekommen? Werden sich dadurch die Machtgewichte verschieben bzw. bekommen die großen Plattformen ein Gegengewicht?

Erst dann können wir m.E. von so etwas wie einer Yes Economy sprechen. 

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