Freitag, 11. April 2014

"New Business Order. Wie Start-ups Wirtschaft und Gesellschaft verändern" von Christoph Giesa und Lena Schiller-Clausen

Von Ralf Keuper

Derzeit ereignet sich an vielen Stellen in der Welt eine "Startup-Explosion" (The Economist). Betroffen sind davon vorwiegend die urbanen Zentren in den fortgeschrittenen Industrienationen. Legendär ist inzwischen der Ruf des Silicon Valley als Brutstätte kleiner Unternehmen, die in nur wenigen Jahren das Gesicht ganzer Branchen verändert haben, wie facebook und Google. Diese Entwicklung geht auch an Deutschland, wenngleich zeitverzögert, nicht vorbei. Auch hierzulande haben sich Startup-Ökosysteme entwickelt, die eine fast schon magische Anziehungskraft auf angehende Unternehmer, Talente, Wissenschaftler und Investoren ausüben - allen voran Berlin. 
Schon heute gilt Berlin als einer der attraktivsten Standorte für die Ansiedlung von Startups weltweit. In Europa nur noch von London übertroffen. 
Aber auch in München, Hamburg und Köln haben sich in den letzten Jahren Startup-Ökosysteme entwickelt, die den Vergleich mit Berlin nicht scheuen müssen, obschon sie - absolut  gesehen - das Niveau der Spree-Metropole nicht erreichen.

Jedenfalls mehren sich die Anzeichen, dass es sich hierbei um mehr als nur einen vorübergehenden Trend handelt. Eher kündet diese Entwicklung, wie Christoph Giesa und Lena Schiller Clausen in ihrem Buch New Business Order. Wie Start-ups Wirtschaft und Gesellschaft verändern schreiben, von einem tiefgreifenden Wandel, von dem nicht nur die Arbeitswelt, sondern die ganze Gesellschaft betroffen ist. Die Zeiten der Standardisierung wie auch der Effizienzsteigerung um ihrer selbst willen scheinen dem Ende entgegen zu gehen. Zu turbulent ist im digitalen Zeitalter die Geschäfts- und Arbeitswelt geworden, als dass man sie noch in Schablonen und Programme fassen könnte. Benötigt werden flexiblere Organisationsformen, die eine rasche Anpassung an die Veränderungen in der Umwelt, seien sie technologischer, ökonomischer oder politischer Art, ermöglichen. Gefordert sind dezentrale Strukturen, d.h. die Entscheidungsgewalt konzentriert sich nicht mehr länger in der Unternehmensspitze, sondern wir dorthin verlagert, wo die eigentliche Arbeit anfällt: An die Kundenfront. 

Während sich große Konzerne schwer tun, ihre Organisationsstrukturen den veränderten Bedingungen anzupassen, kommen sie den jungen Unternehmen, den Startups, entgegen. Unsicherheit und permanente Kursänderungen sind fast schon ihr Lebenselixier. Auch in der Vergangenheit gab es Organisationen, die erfolgreich als Netzwerk agiert haben, wie die Deutsche Hanse des Mittelalters. Ohne zentrale Instanz, gleichberechtigt, gelang es den Hansestädten sich über Jahrhunderte als führende Handelsmacht im Ostseeraum zu etablieren. Als man jedoch begann, bürokratische Strukturen zu installieren, war es mit der Dynamik vorbei; ein Grund für den Niedergang der Hanse. 
Heute kommen unzählige Beratungsansätze und Markforschungsberichte hinzu, die auf eine Vereinheitlichung des Denkens und Handelns in der Wirtschaft hinwirken. Startups entziehen sich diesem Zwang, indem sie ihren Unternehmensapparat so schlank wie möglich halten und ihre Produkte oder Dienstleistungen permanent am Markt prüfen. Unterstützt werden sie dabei häufig von Investoren, Inkubatoren und Acceleratoren, die sich darauf spezialisiert haben, Startups in der schwierigen Anfangsphase zu begleiten. Das Engagement kann sich dabei auf das reine Investment beschränken, aber auch gezielte Programme, die über einen längeren Zeitraum laufen, umfassen. Häufig handelt es sich um eine Kombination aus beidem. Als weitere Finanzierungsmöglichkeit bietet sich für Startups unter Umständen auch das Bootstrapping an, d.h. die Finanzierung aus eigenen Mitteln. Hierbei geht das Startup bewusst in kleinen, überschaubaren Schritten vor. Häufig sind die Unternehmensgründer noch als Arbeitnehmer tätig. 

Welche Finanzierungsform man auch wählt - entscheidenden Einfluss auf den Erfolg hat das Netzwerk, in dem sich das Startup bewegt, dem es Input liefert, von dem es aber auch gestützt und - im weiteren Sinne - versorgt wird. Hierzu zählen Events, Barcamps, Netzwerktreffen, Coworking Spaces ebenso wie die Verkehrsinfrastruktur und die Kulturszene bis hin zu Universitäten und Instituten. In Berlin kommen noch zahlreiche Kreativ- und Innovationslabs hinzu. Einer der Vorzüge Berlins aus Sicht von Startups ist die Gegenkultur, die für ein tolerantes Klima sorgt. Für Richard Florida ist ein hohes Maß an Toleranz gegenüber abweichenden Meinungen und Lebensstilen eine der Voraussetzungen dafür, damit sich in einer Stadt eine lebhafte kreative Szene bilden kann. Auch in Unternehmen kann eine "konstruktive Opposition" nicht schaden. Als Beispiel nennen Giesa und Schiller Clausen u.a. die Synaxon AG. 

Die Zukunft der Arbeitswelt ist nach Ansicht von Giesa und Schiller Clausen von Projektnetzwerken geprägt. In Anlehnung an die Arbeiten von Chiapello und Boltanski soll die Ablehnung hierarchischer Strukturen zu einer Aufwertung von Eigeninitiative, Risikobereitschaft und Selbstorganisation führen. Der Mensch bewegt sich von Projekt zu Projekt; "Das Leben als Projekt", wie es Boltanski einmal formuliert hat. Die Aufgaben wechseln ebenso beständig wie die Menschen, mit denen man für eine begrenzte Zeit zusammenarbeitet. Das Projekt als Sinnstifter?
Waren im Zeitalter der Massenproduktion die Economies of Scale oder Ecomomies of Scope das Maß der Dinge, übernehmen diesen Status in der digitalen, vernetzten Ökonomie laut Giesa und Schiller Clausen die Economies of Adequacy. Darunter ist die adäquate Positionierung des Unternehmens bezogen auf die drei Achsen Größe, Verbund und Flexibilität zu verstehen. Statt nur eine der Achsen, Dimensionen zu optimieren oder zu maximieren, gilt es alle drei gleichzeitig zu fördern. Auf diese Weise soll beispielsweise verhindert werden, dass einige Kunden eine zu große Bedeutung für das Überleben des Unternehmens bekommen. Die Abhängigkeit von äußeren Faktoren soll auf ein gesundes Maß reduziert werden. 

Mit Gewerkschaften, Parteien, Verbänden und Ökonomen können Giesa und Schiller Clausen nicht allzu viel anfangen. Zu sehr sind sie noch dem Denken des Industriezeitalters verhaftet. Wer beispielsweise noch immer an den Homo Oecnomicus und effiziente Kapitalmärkte glaubt, ist noch nicht im neuen Zeitalter angekommen. 

Das Buch verstrahlt eine große, gleichwohl nicht übertriebene Portion Optimismus, was die Zukunft der Arbeitswelt und der Gesellschaft betrifft. Von der Argumentation her hat es Ähnlichkeit mit Büchern wie Alles, außer gewöhnlich von Kreuz und Förster oder Die kreative Revolution. Was kommt nach dem Industriekapitalismus? von Wolf Lotter u.a. 

Man muss nicht alle Aussagen des Buches teilen - warum auch? Die Stimmen, die auf Parallelen zwischen der Dotcom-Blase und der aktuellen Startup-Explosion hinweisen, mehren sich - vor allem im Ausland. Bei aller Begeisterung für Startups, muss auch erwähnt werden, dass ihre Überlebensrate sehr gering ist. Manche Schätzungen gehen gar davon aus, dass nur 10 Prozent der Startups überleben. 

Auch wird sich noch zeigen müssen, ob Risikobreitschaft, Eigeninitiative und Selbstorganisation wirklich so segensreiche Konsequenzen für die Menschen hat, wie Giesa und Schiller Clausen annehmen. Solange Akteure wie einige Banken ihre Verluste sozialisieren und ihre Gewinne ungehindert privatisieren können, besteht noch Verbesserungsbedarf. Es bleibt zu klären, wie groß das Ausmass von Risiken ist, die sich nur auf gesellschaftlicher Ebene begrenzen lassen. Einzelpersonen, ganz gleich wie flexibel oder kreativ sie sind, stossen hier an Grenzen. Hier brauchen wir neue Ansätze. 

Die Kritik soll nicht darüber hinweg täuschen, dass das Buch zahlreiche wertvolle Hinweise und Gedanken enthält, die zeigen, dass wir uns in großen Schritten in eine andere Welt bewegen. Die Startups sind Vorboten des Wandels. Ob sie mehr sind als das, wird die Zukunft zeigen.

Kurzum: Die Lektüre lohnt sich. 

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