Freitag, 18. Oktober 2013

East India Company - der erste multinationale Konzern?

Von Ralf Keuper

Über die East India Company des britischen Empire sind in den letzten Jahren viele Beiträge und Bücher erschienen. Insbesondere die Wirtschaftshistoriker haben hier ein vielversprechendes Studienobjekt gefunden. Eine Sammelrezension auf HSK vermittelt einen ersten Eindruck. Auf der Seite von HSK befinden sich noch weitere, wie immer lesenswerte, Rezensionen zu dem Thema. 

Jetzt lässt sich die East India Company nicht direkt mit den heutigen multinationalen Konzernen vergleichen. Zu groß war die Abhängigkeit von der englischen Krone und der Marine. Was jedoch immer wieder mit einem guten Schuss Bewunderung erwähnt wird, ist der Umstand, dass die Verwaltung der East India Company ebenso effizient wie effektiv gewesen sein muss. Auch gibt es gute Gründe, in der East India Company einen Vorläufer der Netzwerkorganisation zu sehen. Formelle und informelle Beziehungen sorgten dafür, dass das politische, ökonomische und kulturelle Umfeld dem Unternehmen wohlgesonnen war oder man im entgegengesetzen Fall frühzeitig über sich anbahnende Konflikte, "Atmosphärische Störungen" informiert wurde und gezielte Gegenmaßnahmen einleiten könnte. 

Besonderes militärisches und geschäftliches Geschick legte Robert Clive, der als Begründer der britischen Macht in Indien gilt, an den Tag. 
Josh Clark weist darauf hin, dass die East India  Company die erste "joint-stock corporation" war. Auch war die Haftung durch die Einführung der noch heute gebräuchlichen Rechtsform der Limited Liability Coporation (LLC) begrenzt. Queen Elizabeth I sorgte dafür, dass über die Haftung hinausgehende Verluste von der Krone ausgeglichen wurden. Seitdem hat sich an dem Verfahren eigentlich nichts geändert. 

Ganz so makellos ist die Bilanz der East India Company jedoch nicht, wie u.a. Peter Wende in seinem lesenswerten Buch Das britische Empire. Geschichte eines Weltreichs schreibt. Dass die East India Company keine öffentlichen Mittel beanspruchen musste, führt (nicht nur) Wende darauf zurück, dass sie die Inder mit Steuern und Tributzahlungen belegte, die bis an die Grenze der Belastbarkeit gingen - nicht selten auch darüber hinaus. Ein Unternehmen, dessen marktbeherrschende, monopolistische Stellung sich auf militärische Gewalt stützten konnte und das auch sonst über alle Möglichkeiten verfügte, unliebsamen Wettbewerb aus dem Weg zu räumen, ist nicht wirklich geeignet, als Prototyp des multinationalen Konzerns zu dienen. Ohne den geschichtlichen Kontext zu berücksichtigen, lassen sich daraus für die heutige Zeit keine verwertbaren Schlüsse ziehen. Ein interessantes und in dieser Form wohl einzigartiges Studienobjekt ist und bleibt die East India Company aber auch dann. 

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